Für mehr Zauber im Europaviertel

Nutzungskonzept für Wasserturm liegt seit 2016 auf dem Tisch

Ein Künstler besetzt den verwaisten Wasserturm im Europaviertel und wird dann aufgefordert, diesen wieder zu räumen. Diese bizarre und von allen Medien umfangreich aufgegriffene Aktion muss als Aufforderung an die Stadt verstanden werden, nun endlich tätig zu werden.

Eigentlich war die Besetzung des Wasserturms im Frankfurter Europaviertel nur eine durchsichtige PR-Aktion im eigenen Interesse. Nicht wenige Künstler versuchen, durch das Spiel mit den Medien Aufmerksamkeit zu erzeugen, sich bekannt zu machen und dadurch wirtschaftliche Vorteile zu erlangen. Anfang Februar 2019 besetzte Radames Eger den Wasserturm. Er stammt offenbar aus einem Armenviertel in Sao Paulo, gelangte über ein Stipendium nach Europa, wo er zunächst als Tänzer an der Wiener Oper arbeitete. Danach lernte er schneidern und bildete sich mit Hilfe einer Designerin fort. Nachdem er in Hilfsjobs tätig war, teilweise in Paris und Berlin wohnte, lebt er seit zehn Jahren in Frankfurt. Durch ausgefallene Kleidung versucht der 1984 Geborene ebenso auf sich aufmerksam zu machen wie durch sein soziales Engagement. Er schneidert unter anderem Mode für Kinder, Kranke, Behinderte und Obdachlose, was bei Teilen der christlich geprägten und von schlechtem Gewissen geplagten Wohlstandsgesellschaft auf fruchtbaren Boden fällt. Allzumal aber bei den Medien auf ihrer Suche nach plakativen Themen.

Und so berichtete auch die Lokalpresse breit über die Turmbesetzung von Radames Eger und lichtete ihn teils in heroisch gestylten Posen ab, der allzu offensichtlichen Selbstinszenierung Egers zum Trotz, die gleichermaßen größenwahnsinnig wie unrealistisch konzipiert war. Nachdem er sich illegal Zugang zu dem Turm verschafft hatte, bot er diesen als "Zufluchtsort" für Obdachlose an. Vor allem solche, die in der Nähe des Turmes unter der Emser Brücke übernachtet hatten. Auf ein Schild hinter den Bauzaun schrieb er: "Damit niemand auf unseren Straßen sterben muss." Er warf in die Umgebung des Turms mehrere aufgespannte Regenschirme, von denen jeder einen toten Obdachlosen symbolisieren sollte. Welche Bezugsgröße er hierfür gewählt hat, blieb sein Geheimnis.

Unterstützer sprangen ihm zur Seite und stellten das gefährliche Übernachten von Obdachlosen unter Brücken gegen das ungefährlichere Übernachten selbiger im Wasserturm. Unterschlagen wurde bei solchen Leserkommentaren, dass es bereits heute Notunterkünfte in ausreichender Zahl in Frankfurt gibt, aber viele Obdachlose freiwillig lieber im Freien nächtigen. Und weshalb der "Zufluchtsort" Wasserturm für Obdachlose attraktiver als eine reguläre Notunterkunft sein sollte, konnten weder Eger noch seine Anhänger erläutern.

Das Grünflächenamt argumentierte dagegen, der Turm sei zur Unterbringung von Menschen nicht geeignet. Neben Licht und Heizung würden eine Toilette und Wasserversorgung fehlen. Eger wurde eine Frist gesetzt, und er räumte den Turm wieder. Natürlich unter dem Bedauern, dass der Turm doch nicht nur eine Unterkunft gewesen sei, sondern auch ein Ort zum Reden und Spielen. Letzteres können Obdachlose und Eger allerdings auch an jeder anderen Ecke der Stadt. Die PR-Aktion des Künstlers konnte aber zumindest in den Medien bis zum letzten Tropfen ausgekostet werden. Und die "Frankfurter Rundschau" berichtete, dass eine Gewerkschaft offenbar besonders sorgfältig mit ihren Mitgliederbeiträgen umgegangen war und diese an Eger für seine Aktion gespendet hatte.

Dennoch hat die Eger-Aktion ihre Gutes, denn sie richtet das Augenmerk wieder auf einen städtebaulichen Missstand, der jetzt schon viel zu lange existiert: den 1911 erbauten Wasserturm nahe der Europaallee.

Bereits seit 2016 engagiert sich BFF-Ortsbeirat Hans-Georg Oeter (Mitglied im OBR 3) im Rahmen der Initiative „Förderverein Zauberturm“ für die Sanierung und Re-Vitalisierung des alten Wasserturms. Der stellt nämlich im teils tristen Neubauareal des Europaviertels ein letztes bauhistorisches Zeugnis der industriellen Nutzung des einstigen Bahnareals dar. Einst diente er zur Versorgung von Dampflokomotiven mit Wasser, seit über 15 Jahren wird er nicht mehr genutzt.

Grundstückseigentümer und Quartiersentwickler Aurelis drückt sich aber seit Jahren um eine Sanierung und Erhaltung des Gebäudes, obwohl er nach Auflagen des Denkmalamtes dazu verpflichtet ist. Nutzungsvorschläge wie eine Jugendbibliothek und ein Ausstellungsraum wurden teils aus Gründen der Baustatik sowie aufgrund von Sicherheitsauflagen verworfen. Vor allem der statisch entscheidende Stahlwasserbehälter bereite Probleme, heißt es.

BFF-Ortsbeirat Hans-Georg Oeter und ein Freundeskreis aus Architekten, Denkmalpflegern sowie Kaufleuten fordert hingegen die Einrichtung eines „Zauberturms“, in dem regelmäßig Vorstellungen stattfinden. Vorbild ist der seit 1978 bestehende Nürnberger Zauberturm. Unter Leitung des derzeit in einem Oberräder Keller residierenden „Magischen Zirkels Frankfurt“ soll der Turm bereits im Treppenhaus mit Zerrbildern und Toneffekten gestaltet werden. Zudem soll es dort eine Zauberakademie für Kinder geben.

Im Eingangsraum könnten Toiletten und Abstellbereich entstehen, im ersten Stock ist eine Dauerausstellung zum Güterbahnhof und Eisenbahnverkehr geplant, um an die Industriegeschichte des Areals zu erinnern. Darüber soll ein Büro für den „Magischen Zirkel“ Platz finden, bis man dann zum Foyer und dem Raum für die Zaubershows gelangt.

Neben Einwänden aus der Politik kamen Bedenken hinsichtlich mangelnder Barrierefreiheit und der Brandschutzbestimmungen, die eine externe Fluchttreppe nötig machen würden. Und obwohl Oeter und seine Mitstreiter versichern, dass die technischen Aufgabenstellungen in Abstimmung mit Experten lösbar seien, ist seitdem nichts geschehen. Weder von Seiten des Eigentümers Aurelis, noch der Stadt, noch der politischen Bedenkenträger, die wie so oft nur kritisieren konnten, aber bis heute keine konstruktiven Vorschläge vorzuweisen haben.

Nachdem der Wasserturm dank dem Künstler Eger nun wieder in aller Munde ist, haben die Bürger Für Frankfurt BFF sich dazu entschlossen, der Stadt jetzt Dampf zu machen, um das Kleinod im Europaviertel zu retten. In der Stadtverordnetenversammlung stellen sie einen Antrag, in dem der Magistrat dazu aufgefordert wird, das Konzept des Zauberturms endlich ernsthaft zu prüfen und in die Wege zu leiten. Hierzu gehört der Anschluss des Turmes an das Straßen- und Kanalnetz. Danach soll dem Förderverein der Wasserturm überlassen werden, mit der Auflage diesen auf eigene Kosten für die veranschlagten 250.000 Euro zu sanieren und zukünftig als Zauberturm zu nutzen.


Marlis Lichtjahr